Habt Ihr Euch auch schon darüber gewundert, dass sich manche Leute ein Lied mehrmals anhören? Ich meine nicht direkt hintereinander, sondern überhaupt mehrmals im Leben! Die Auswahl an guter Musik wird jedes Jahr größer, die Möglichkeiten, sie zu nutzen von Jahr zu Jahr besser. Wer einen Song mehrmals hört, verpasst doch was! Das Leben ist viel zu kurz dafür.

Ja, mit der Überschrift möchte ich provozieren. Und ja, es gibt Musiktitel oder ganze Alben, die ich mehr als einmal höre. Ich habe meine Favoriten. Aber inzwischen nicht mehr besonders viele. Gemessen an meinem gesamten Musikkonsum höre ich inzwischen nur sehr wenig Musik mehr als einmal. Die Auswahl ist einfach zu groß, zu verlockend ist es, Neues kennenzulernen.

Millionen Songs stets abrufbar

Abwechslung beim Musikhören war mir schon immer sehr wichtig, doch spätestens mit der Musik-Flatrate von Napster, die Ende 2005 in Deutschland startete, verlor das Anhören von Alben oder Einzeltiteln, die ich bereits kannte, stark an Reiz. Für nicht einmal 10 Euro monatlich konnte ich Millionen Lieder jederzeit am Computer hören. Damals waren es noch keine 15 Millionen Songs, aber schon sehr viele. So viele Ohren, wie man bräuchte, um alles einmal zu probieren, könnte man sich gar nicht an den Kopf pflanzen lassen.

Was hört man, wenn man alles hören kann?

Es kann etwas Zwanghaftes bekommen, immer noch ein und noch ein und noch ein neues Album zu testen. Andererseits hat mir das Überangebot geholfen, mich beim Kauf auf die wirklich wichtigen Alben zu konzentrieren. Millionen Songs zu mieten heißt, aus dem Vollen schöpfen zu können. Ab einem gewissen Punkt ergibt das Sammeln im großen Stil einfach keinen Sinn mehr. Für mich war das geradezu befreiend. Man verpasst ja nichts mehr. Was man heute nicht kauft, kann man später mit größter Wahrscheinlichkeit immer noch erwerben, sollte man es unbedingt kaufen wollen. In analogen Zeiten war das nicht immer leicht. So etwas wie eine seltene LP gibt es im digitalen Musikzeitalter nicht mehr.

Zudem ist das Entdecken so viel einfacher geworden. Mit nur einem Lied oder einer Band als Ausgangspunkt schlagen einem die modernen Streaming-Dienste wie simfy gleich weitere vor, die man vermutlich ebenfalls mag. Aus Onlineshops kennt man das zwar schon recht lange, doch der Unterschied besteht darin, dass man sich alle vorgeschlagenen Lieder gleich in voller Länge anhören kann. Man muss nicht erst überlegen, ob man sich den Song oder das Album kaufen möchte.

Unsere heimlichen Musikwünsche

Die Hürde, sich neue Musik anzuhören, liegt damit extrem niedrig. Das wiederum ermutigt einen, Musik zu hören, die man sich vermutlich nicht kaufen würde. Und sei es, weil man sich die Neugier darauf sich selbst nicht eingestehen mag. Schließlich hat man einen bestimmten Musikgeschmack und einen gewissen Anspruch. Der Jazzfan, der beim Einkaufen zufällig einen Song von Britney Spears im Supermarkt-Radio hört und ihn heimlich gut findet, kauft sich auf dem Heimweg sicher nicht gleich die CD. Aber online am PC, Tablet-Computer oder Smartphone mal eben den Britney Spears Song ohne Extrakosten aufzurufen, das ist etwas anderes. Das fällt leichter. Und niemand muss es erfahren, keiner entdeckt das Britney Spears Album im Musikregal.

Der Musikgeschmack ändert sich nicht plötzlich, weil man alles hören kann. Man bekommt bei den großen Musik-Streaming-Diensten schließlich auch sehr viel mehr von dem, was man bislang schon mochte. Doch wenn man alles hören kann, bleibt es kaum aus, dass der Musikgeschmack weniger eingegrenzt ist als zuvor. Damit ist die Zahl potenziell interessanter Songs aber umso größer.

Ob man in einem Restaurant von der Karte auswählt oder ob es ein Buffet gibt, aus dem man sich nach Belieben bedienen kann, beeinflusst ja auch, was auf den Teller kommt! Würde man an einem Abend mehrmals zum Buffet gehen und sich immer das Gleiche auftun bis man völlig satt ist? Die wenigsten Menschen tun das.

Bücher liest man einmal. Filme sieht man einmal. Und Lieder?

Die meisten Bücher liest man nur ein Mal. Die meisten Filme schaut man sich nur einmal an. Es gibt Ausnahmen, ja, und die gibt es auch bei der Musik. Die besten Lieder möchte man stets zur Verfügung haben, man hört sie immer wieder gerne, man baut eine Beziehung zum Künstler auf. Hier lohnt sich der Kauf, aber das sind die Ausnahmen.

Noch können sich die meisten Menschen sich nicht vorstellen, Musik lieber zu mieten statt zu kaufen. Aber das ist die Zukunft, davon bin ich fest überzeugt. Gesammelt wird nur noch das Beste. Alles andere ist vergänglicher, kurzzeitiger Genuss.

Zum Schluss noch zwei Leseempfehlungen: Jürgen Vielmeier beschreibt auf dem Basic Thinking Blog sehr treffend, wie der Streaming-Dienst simfy seinen Musikkonsum verändert hat. Auf netzwertig.com erklärt Martin Weigert, warum er vorläufig nichts mehr von Justin Bieber hört. Es geht dabei um Social-Media-Funktionen, mit denen man automatisch mitteilt, was man sich gerade anhört.

Author Oliver Springer

Seit 2008 bin ich im Hauptberuf Blogger und schreibe für eigene Projekte und im Auftrag zu einer Reihe von Themen, darunter natürlich Musik sowie Kaffee, Internet, Mobilfunk, Festnetz, Video-on-Demand … Zuvor hatte ich 14 Jahre lang als Moderator und Redakteur für den Radiosender JAM FM gearbeitet, wo ich später auch den Internetauftritt betreute. Mit einem meiner Radiokollegen gründete ich bereits 2002 die Black Music Website rap2soul.de. Bei METAMA übernehme ich neben der Betreuung der Website auch Aufgaben im kreativen Bereich sowie im Marketing.

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